Der Namenstag unserer Kirche.

(Predigt am ersten Adventsonntag 2003)

    Bei unseren Kindern ist es heute wieder sehr chic, sich für ihren Namenstag zu interessieren. Unsere Generation hatte die Namenstage ja ziemlich unter den Tisch fallen lassen. Aber nicht nur Menschen feiern ihre Namenstage, es tun auch die Kirchen und nennen sie Patrozinien.

    Ich möchte heute mit Ihnen die Frage ansprechen: „Wann feiert eigentlich unsere Kirche und unsere Gemeinde ihren Namenstag?„ Wer etwas über den Namenstag sagen will, schaut zuerst auf den Namen. Wir heißen S. Maria dell’Anima. Das bedeutet, dass die Gottesmutter Maria unsere Namenspatronin ist, die in Nazareth gelebt und in Bethlehem uns den Erlöser geboren hat. Aber wann ist der Namenstag? Wer Peter heißt, feiert am 29. Juni; wer Barbara heißt, am 4. Dezember. Aber Marientage gibt es so viele. Wann ist der unsere? Wer Assunta heißt, feiert die Aufnahme Mariens in den Himmel am 15. August; Annunziata feiert die Verkündigung an Maria am 25. März. Wann ist dell’Anima. Im Kalender finden wir es nicht. Was bedeutet überhaupt „dell’Anima?“ Woher hat unsere Kirche und unsere Gemeinde diesen Namen? 

    Im Anfang trug unsere alte Kirche den Namen S. Margareta. Im 16. Jahrhundert wurde sie den Neapolitanern deutscher Sprache zur Verfügung gestellt. Diese aber nannten ihre Bruderschaft nach römischem Vorbild S. Maria dell'Anima, denn damals machte man alles den Römern nach. Und von der Bruderschaft ging der Name allmählich auf die Kirche über, wie wir es heute noch auf Ischia mit der Kirche S. Anna und der Bruderschaft S. Rocco erleben.

    Also versuchen wir, in Rom unser Problem zu lösen. Woher hat die Kirche S. Maria dell'Anima in Rom ihren Namen? Da erinnere ich mich an den Besuch unseres Weihesemesters zum 40-jährigen Priesterjubiläum vor 4 Jahren in Rom. Der damalige Seelsorger der Kirche S. Maria dell'Anima – ich ahnte damals noch nicht, dass ich selbst einmal Seelsorger an einer Animakirche sein würde – zeigte uns seine Kirche. Wir fragten ihn auch, woher ihr Name käme und was er bedeute. Monsignore Gisbert Knopp sagte uns, dass man Genaueres darüber nicht wüsste. Er verriet uns aber eine Vermutung, die er selbst in seinem Buch über die Kirche nicht geäußert hatte. Belegt sei der Name seit dem 14. Jahrhundert. Er habe schon, bevor hier ein Krankenhaus für deutsche Pilger und diese Kirche erbaut wurde, an jenem Platze, vielleicht an einem Bildstock hier nahe bei der Piazza Navona gehangen. Diese Piazza war in der Antike eine Sportkampfbahn, lateinisch „agmina“, gewesen. Die Stätte der Verehrung der Mutter Gottes habe vielleicht S. Maria ad agmina, hl. Maria an der Rennbahn geheißen. Die Sportstätte zerfiel. Später wurde ein Platz daraus, dieser schließlich mit seinen Brunnen großartig gestaltet. Den Namen  „agmina“ verstand man nicht mehr. „Anima“ klang viel frömmer. Und so bekam die Kirche den Namen „S. Maria dell’Anima“, ohne dass man sich viel dabei dachte.

    Später machte man sich Gedanken darüber.  Damals spielten die Armen Seelen im Fegfeuer in der Frömmigkeit der Menschen eine große Rolle. Man meinte „Anima“ sei  ein Fehler, es müsse „Anime“ heißen, und verstand darunter die Seelen der Verstorbenen im purgatorio. Über dem Hauptportal der Kirche sehen wir noch
heute die Giebelplastik, in der nackte arme Seelen aus einem Feuer ihre Arme flehend der Gottesmutter entgegenstrecken. Auch diese Plastik wurde übrigens finanziert durch den Markgrafen Kardinal Albrecht von Brandenburg aus den Geldern, die der schlimme Tetzel eingetrieben hatte und die schließlich zur Reformation führten.

Anime

    Ähnliche Bilder finden sich auch in unseren alten Urkunden. Obwohl sie damals wussten, dass für einen Geist Zeit und Ort keine Rolle spielten, hatten sie über das Fegefeuer sehr exakte räumliche und besonders zeitliche Vorstellungen. Sie sind für uns, für die nach Karl Rahner purgatorio die schmerzvolle Scham im Tode über unsere Defizite ist, nicht nachzuvollziehen, ohne die Solidarisierung unserer Vorfahren mit ihren lieben Toten in dem Augenblick, in dem diese tief traurig unter ihren Versäumnissen leiden, gering zu achten.

„Da steh ich nun, ich armer Tor, ...“   
    Der Name unserer Kirche gibt also bei der Suche nach dem Patrozinium nichts her. Wir müssen einen anderen Weg wählen. Am besten schauen wir einfach einmal in unsere Kirche hinein, am besten in die alte, wie sie nahe der Universität stand und vor 100 Jahren abgebrochen wurde.

     Mit den Augen des Innsbrucker Kunsthistorikers Heinrich von Glausen sehen wir gleich beim Hereinkommen hoch über dem Altar ein Bild der Gottesmutter. Hoch über den Wolken schwebt sie unter den Augen des himmlischen Vaters über dem Mond und den Sternen. Zu ihren Füssen sehen wir den heiligen Antonius von Padua und den heiligen Paschalis Baylon.
 
    Sie schauen jetzt unwillkürlich über den Eingang zum Pfarrsaal und sehen, dass das Bild, das dort hängt, genau in den Rahmen des Bildes über dem Hochaltar passt, also früher, wie von Glausen beschreibt, über dem Hochaltar gehangen hat.

Concezione Empfängnis

    Das Motiv ist in der Kunst nicht selten. Die unirdische Darstellung der heiligen Maria will sie den Menschen zeigen als Plan Gottes, als seine wunderbare Idee, für seinen Sohn und für die Menschen, im ersten Augenblicke ihres Daseins. Die Theologen, die zu ihren Füßen knien, haben dies die „Unbefleckte Empfängnis“ Mariens genannt, Antonius und Paschalis.

     Der wichtigste Theologe für diese Lehre fehlt auf dem Bild. Das ist Johannes Duns Scotus aus Schottland. Den feinsinnigen Lehrer, den „Doctor subtilis“ in Paris, Oxford, Canterbury und zuletzt in Köln, wo er auch begraben ist, konnte der Maler Martin Knoller noch nicht in das Bild setzen, weil er damals, 1758, noch nicht heilig gesprochen war. Dafür sorgte erst, von meinem Schreibtisch dort oben aus, mein Vorvorgänger Pater Dietrich Esser.

      Zu Hilfe kam ihm dabei, dass der wichtigste Schüler des Doctor subtilis ein Neapolitaner war, Landolfo, aus der berühmten Familie der Caracciolo, in den Lexika der erste Träger dieses berühmten Namens, der in seiner Heimat Neapel das Wirken des Scotus fortsetzte, am 8. Dezember, 9 Monate vor dem Fest der Geburt Mariens am 8. September, die unbefleckte Empfängnis Mariens festlich begonnen und auch das Andenken des berühmten Scotus in Kampanien erhalten hatte, so dass erst ein Wunder, das in Nola geschehen war, die Heiligsprechung des Theologen der Unbefleckten Empfängnis ermöglichte.

    Es waren übrigens alles Franziskaner, von denen hier die Rede war. Ihre theologische Schule, die manchmal nach Augustinus, manchmal nach des Scotus Lehrer Bonaventura oder Alexander von Hales, meist aber „scotistisch“ genannt wird, und sich gerne auf den Urvater Plato beruft, stand im ganzen Mittelalter in öfters freundschaftlicher Konkurrenz zu der meist mächtigeren Schule des Thomas von Aquin. 

   Im 18. Jahrhundert, bevor das Bild gemalt wurde, entstammten die Seelsorger unserer Gemeinschaft meist einem der franziskanischen Orden. So müssen wir eine besondere Verehrung des Geheimnisses der Unbefleckten Empfängnis Mariens in unserer Kirche annehmen. Da ihr Bild über 200 Jahre lang unsere Kirche gekrönt hat, dürfen wir die ohne Makel der Erbsünde empfangene Gottesmutter Maria als unsere Patronin verehren und in 14 Tagen ihr Fest als Patrozinium feiern, oder als Kirmes, wie man im Rheinland sagt, übrigens zusammen mit den Kirchen von Köln und Moskau.